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Der Wilhelmsbader Konvent und dessen Auswirkung auf die europäische Freimaurerei

Heidelberg 27.10.2016 | Der Wilhelmsbader Freimaurer-Konvent der »Strikten Observanz« von 1782, der nahe der Stadt Hanau stattfand, stellt einen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen und europäischen Freimaurerei dar. Die vielschichtigen historischen Zusammenhänge können bis heute nur schwer entwirrt werden. In einer Zeit größter Verwirrung richtete der Großmeister der »Strikten Observanz« Herzog »Ferdinand von Braunschweig« an alle schottischen Obermeister ein Hilfegesuch. In mehreren Rundschreiben wurde ein allgemeiner Konvent auf den 15. Oktober 1781 angekündigt, der unter anderem neue allgemeine Grundsätze aufstellen sollte. Er wurde schließlich verschoben und nahm am 16. Juli 1782 seinen Anfang. Der Konvent stellte den letzten Versuch dar, die »Strikte Observanz« durch Reformen auf stabile Beine zu stellen.

Die »Strikte Observanz«:
1742 sollen Anhänger von »Charles Edward Stuart« (1720-1788) den »Reichsfreiherrn von Hund« in Paris in den vermeintlichen Tempelritter-Orden aufgenommen haben. In diesem Zusammenhang soll von Hund laut seinen eigenen Angaben zum Katholischen Glauben konvertiert sein und nach der rituellen Weihe wurde ihm angeblich Charles Edward als Großmeister des im Verborgenen weiter wirkenden Tempelritter-Ordens vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit soll von Hund von den freimaurerischen Tempelrittern als »Heermeister« (alias »Provinzial-Großmeister«) der VII. Ordensprovinz - damit ist u.a. Deutschland gemeint - eingesetzt worden sein. Der Tempelritter-Orden wurde am 22. März 1312 vom damaligen Papst aufgehoben. Man muss dabei erwähnen, dass von Hund erst ein Jahr zuvor (1741) in Frankfurt am Main Freimaurer geworden war. Er hatte also eine steile freimaurerische Karriere mit knapp 20 Jahren hingelegt. Seine Karriere in der nicht-freimaurerischen Welt war genauso beachtlich. Im gleichen Jahr seiner Aufnahme in den Tempelritter-Orden in Paris (1742) wurde er Kammerherr des Kurfürsten von Sachsen und des Königs von Polen. Später (1769) berief ihn Kaiserin Maria-Theresia nach Wien. Er weigerte sich jedoch dort eine Anstellung anzunehmen, um sein Amt als »Heermeister der VII. Ordensprovinz« nicht aufgeben zu müssen.

 

 Karl Gotthelf Reichsfreiherr von Hund und Altengrottkau (1722-1776)

 

Reichsfreiherr von Hund und seine Mitstreiter schufen ab 1750 ein komplettes neues freimaurerisch-templerisches System. Dabei nutzten sie gleichermaßen die altenglischen Rituale der ersten drei Grade sowie die Rituale der französischen Tempelritter-Grade. Die »Strikte Observanz«, die sich selbst auch als »Hoher Orden vom heiligen Tempel zu Jerusalem« bezeichnete, bot ein dem untergegangenen Tempelritter-Orden nachempfundenes System, welches die ersten drei Grade der symbolischen Freimaurerei übernahm und mit der mittleren Stufe des Andreasmeisters einen Übergang zu den beiden Rittergraden bildete. Sie hat bis heute überlebt und ist somit das älteste in Kontinentaleuropa durchgängig arbeitende freimaurerische System.

Eine Wilhemsbader Legende:
Am Ende des »Wilhelmsbader Konvents« - das war um den 29. August 1782 herum - wurde in einer feierlichen Zeremonie, der Tempelritter-Orden zu Grabe getragen. Dies geschah des Nachts, wahrscheinlich weil auch die Tempelritter ihre Kapitel nachts abhielten, in der Form, dass Akten und Dokumente in den Boden eingelassen worden sein sollen.

Als der älteste Sohn des Landgrafen »Wilhelm IX.« – dem Erbauer des »Wilhelmsbader Parks« und wo das Konvent getagt hatte – zwei Jahre später (1784) im Alter von knapp 12 Jahren verstarb, ließ Wilhelm IX. in seinem Andenken die Pyramide errichten. In der Mitte der Pyramide wurde auf einem Säulenschaft eine Urne aus Marmor angebracht. Man ließ das Gerücht verbreiten, dass sich das Herz des verstorbenen Prinzen in der Urne befände. Das ist aber falsch, denn das Herz ist in einer Schatulle im tatsächlichen Grab des Prinzen in der Marienkirche in Hanau beigesetzt worden. Damit sollten wahrscheinlich Diebe abgeschreckt werden, sich dem Denkmal zu nähern. Dies funktionierte auch bis in die 1980er Jahre bis die Urne gestohlen wurde.

 

Pyramidendenkmal im Wilhelmsbader Park in der Nähe der Stadt Hanau (1784)

 

Dieser Diebstahl stand wahrscheinlich mit der Entdeckung zusammen - aber das ist reine Spekulation - dass ursprünglich gar keine Urne auf dem Säulenschaft angebracht werden sollte. Bei der Errichtung der Pyramide seien im Boden aber Dokumente gefunden worden, die dann bei Fertigstellung des Denkmals in die Urne gegeben und auf dem Säulenschaft angebracht wurden. Wenn man nun weiß, dass das Symbol des ersten Grades der »Strikten Observanz« eine abgebrochene Säule ist, bei der nur noch ein Teil des Schafts steht, dann steht dort nicht nur ein Andenken an einen verstorbenen Prinzen, sondern das letzte Denkmal der »Strikten Observanz« und vielleicht sogar das jüngste Monument zu Ehren des Tempelritter-Ordens.