^Seitenbeginn
foto1 foto2 foto3 foto4 foto5

Zur weißen Taube (1764)

Die erste Freimaurerloge in Darmstadt
Karl Gotthelf, Reichsfreiherr von Hund und Altengrotkau (1722-1776), der Begründer und Förderer der »Strikten Observanz«, gründete am Freitag, den 23.03.1764 die Freimaurerloge »Zur weißen Taube« in Darmstadt. Am Dienstag, den 30.08.1768 wurde Prinz Ludwig Georg Karl von Hessen-Darmstadt (1749-1823), der Schwager des damaligen Fürsten Ludwig X. (1753-1830), Freimaurer und zwar in der Loge »Zu den drei Disteln« im Wolfsgarten bei Langen in der Nähe von Darmstadt. 1771 wechselte er zur Freimaurerloge »Zur weißen Taube«.(1)

Am Freitag, den 27.03.1772 ging sie zur »Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland« über und Prinz Ludwig Georg Karl wurde ihr Vorsitzender Meister.(2) Sie erhielt die Matrikelnummer 10. Durch den Übertritt wurde es überhaupt erst möglich, dass Prinz Ludwig Georg Karl als Kandidat für das Amt des Landesgroßmeisters in betracht kam. Denn auf Anraten der »Großen Loge von England« sollte Zinnendorf, der Gründer der »Großen Landesloge«, ein Mitglied eines regierenden Hauses gewinnen, um eine Großlogen-Anerkennung von England zu erlangen. Das geschah schließlich, indem er den 24-jährigen Prinzen überzeugen konnte.(3) Ein starker Wunsch von Prinz Ludwig Georg Karl war es, die beiden Systeme der »Strikten Observanz« und der »Großen Landesloge« zusammenzuführen. Als Landesgroßmeister sah er seine Chance gekommen, was aber aufgrund der Verschiedenartigkeit der Systeme nicht umsetzbar war. Ein Jahr später (1774) gab er das Amt des Landesgroßmeisters wieder ab. 

Im Herbst 1775 reiste Prinz Ludwig Georg Karl zusammen mit seinem jüngeren Bruder Georg (1754-1830) nach Frankreich und Italien, wo sie »Freiherr Gottlieb von Gugomos« kennenlernten und nach Deutschland mitbrachten. Gugomos machte sie anscheinend mit einem »Geheimen Oberen der Strikten Observanz« bekannt.(4) In Italien trafen sie zudem auf Peter Christian Tayssen, der sie nach Heilbronn begleitete, wo sich Prinz Ludwig Georg Karl ab 1776 niederließ. Tayssen diente ihm bis 1778 als Lehrer.

Zinnendorf besuchte Anfang 1777 die Freimaurerloge »Zur weißen Taube« und »Matthias Claudius«. Claudius war durch Vermittlung von »Johann Gottfried Herder« nach Darmstadt gezogen; kehrte jedoch bereits nach einem Jahr wieder nach Wandsbeck zurück. Sein Meisterwerk, das Abendlied »Der Mond ist aufgegangen« soll zu dieser Zeit entstanden sein. 

1778 brach Prinz Ludwig Georg Karl mit der Freimaurerei, nachdem ein von ihm in Heilbronn einberufener Freimaurerkongress, auf dem er erfolglos ein an die Rosenkreuzer angelehntes neues System, das auf den Lehren von Gugomos und Tayssen fußte, vorgestellt und zum Beitritt aufgerufen hatte. Im Anschluss daran gründete er im Oktober 1779 in Heilbronn eine »Winkelloge« mit dem Namen »Bund für Rechtschaffenheit«, die auch Frauen aufnahm und horrende Mitgliedsbeiträge verlangte, aber schließlich von »Karl Eugen, Herzog von Württemberg« verboten wurde. Erst die Intervention des Herzogs veranlasste den Prinzen dazu, wenigstens dessen Untertanen ihr Geld zurückzugeben, wodurch er sich erheblich verschuldete.

Vor der Verbannung des Prinzen Georg
Sein Bruder Georg übernahm nach ihrer Rückkehr aus Italien 1776 die Führung der Freimaurerloge »Zur weißen Taube« in Darmstadt. Mit »Johann Heinrich Merck« hatte er mehrere Geldgeschäfte getätigt, die im Sommer 1788 schließlich zum Erliegen von Prinz Georgs Baumwollfabrikation führten.(5) Er wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen, heiratete bürgerlich und musste daraufhin in die Verbannung nach Ober-Ungarn gehen, wo er sich in der deutschen Verwaltungsenklave Schüttrisberg-Schemnitz niederließ. Das Amt des Vorsitzenden Meisters ging an »Johann August von Starck« (1741-1816) über, der 1781 nach Darmstadt übergesiedelt war.

Johann August von Starck war ein deutscher Schriftsteller, Freimaurer, lutherischer Theologe und Generalsuperintendent zu Königsberg in Preußen. Als er 1761 seine Studien in Theologie und Orientalistik an der Universität Göttingen begann, wurde er in eine dortige Freimaurerloge aufgenommen. 1763 verschaffte ihm »Anton Friedrich Büsching«, den er in Göttingen kennengelernt hatte, einen Lehrerposten in St. Petersburg, obwohl er sein Studium noch nicht abgeschlossen hatte. Dort lernte er einen Grafen namens Peter Melesino oder Melissino (1726-1797) kennen, der griechischer Herkunft und Generalleutnant der Kaiserlichen Russischen Armee war. Dessen Freimaurerloge arbeitete nach einem Hochgradsystem, das angeblich auf den Tempelritter-Orden zurückging. Starck schloss sich dieser Richtung und später der »Strikten Observanz« an. In Wismar, wo er von 1766 bis 1768 Konrektor des Gymnasiums war, hatte er sich im Februar 1767 an der Gründung einer Freimaurerloge der »Strikten Observanz« beteiligt. Starck veröffentlichte zahlreiche Schriften über die Freimaurerei, z.B. um 1770 eine besonders bemerkenswerte »Apologie des Ordens der Freymaurer«. Er war außerdem Begründer des »Klerikalen Systems«, das 1772 mit dem System der »Strikten Observanz« vereinigt werden sollte. 1781 kam er nach Darmstadt, wo er den Rest seines Lebens als Hofkaplan und Generalsuperintendent für die Schulen von Gießen und Darmstadt zubrachte. Starck wurde durch Prinz Georg Mitglied der Freimaurerloge »Zur weißen Taube« und übernahm vor der Verbannung des Prinzen ihren Vorsitz. Dort praktizierte er die Inhalte seines »Klerikalen Systems« weiter.(6) Er verstarb am 03.03.1816.

Der Untergang der »Strikten Observanz«
Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Spannungen in der deutschen Freimaurerei immer stärker zu werden. Der »Willemsbader Konvent« (1782) führte zu einer enormen Schwächung der »Strikten Observanz«, weil sie sich von der Tempelritter-Freimaurer-Legende loslöste. Starck geriet in seiner eigenen Freimaurerloge unter Kritik, weil er weiterhin am »Klerikalen System« festhielt, was fernerhin mit der »Strikten Observanz« in Verbindung gebracht wurde. Seit 1772 gehörte die Freimaurerloge »Zur weißen Taube« der »Großen Landesloge« an, die der »Strikten Observanz« kritisch gegenüber stand. Starck konnte diese Spannungen noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts in seiner Freimaurerloge kompensieren, jedoch verlor er Mitglieder. Gesundheitliche Beschwerden trugen schließlich dazu bei, dass die Arbeit zum Erliegen kam. Zudem nahm Ludwig X. die Freimaurerei nicht mehr wohlwollend wahr, weil sein Schwager u.a. durch Hochstabler ruiniert wurde und weil die »Strikte Observanz« gescheitert war. Ungünstig wirkte sich des Weiteren das Verhältnis des Hauses Hessen-Darmstadt zu Preußen aus, was immer wieder den Versuch unternahm Hessen-Darmstadt zu annektieren. Ludwig X. zog sich deshalb allmählich aus allen freimaurerischen Tätigkeiten zurück und nahm eine kritische Haltung ein. Am 13.08.1806 trat Ludwig X. dem Rheinbund bei, nahm den Titel eines »Großherzogs von Hessen« an und benannte sich in Ludwig I. von Hessen um.

Starck war der Verfasser eines 1785 mit heftigen Angriffen gegen die Führer der »Strikten Observanz« gerichteten Romans namens »Saint Nicaise«, womit er sich öffentlich von der »Strikten Observanz« distanzierte. Am 21.10.1785 schloss sich die Gießener Freimaurerloge »Ludwig zu den drei goldenen Löwen«, die am 25.04.1778 durch den Freimaurer »Ditfurth« gegründet wurde, dem »Eklektischen Bund« an. Starck versuchte von Darmstadt aus, den Anschluss zu hintertreiben, weil sich die Gießener Freimaurerloge der »Großen Landesloge« anschließen sollte, was aber nicht mit Erfolg beschieden war.

1811 erfolgte ein kühner Schritt zur Neugründung einer weiteren Freimaurerloge in Darmstadt, die aber aus den genannten Gründen nicht unter der Konstitution der »Großen Landesloge« stehen durfte. 19 Freimaurer aus Darmstadt und Umgebung, wovon einige ehemalige Mitglieder der Freimaurerloge »Zur weißen Taube« gewesen waren, richteten an Ludwig I. die Bitte, ihnen Gelegenheit zu regelmäßigen Zusammenkünften zu gewähren. Einer der Gründe, warum das Gesuch zunächst unberücksichtigt blieb, war die kritische Haltung des Großherzogs. 1816 lud Carl Bechthold mit Kenntnis des Fürsten Freimaurer in Darmstadt und Umgebung zu einer Zusammenkunft im Seidel'schen Garten zum ersten Montag im März 1816 ein. Es kamen 24 Freimaurer. Wenige Monate nach Starcks Tod ließ der Landesfürst am 05.05.1816 mitteilen, dass er einer in Darmstadt neu zu eröffnenden Freimaurerloge nach gesetzmäßiger Konstitution seinen Schutz angedeihen lassen wolle. Dabei erfüllte Ludwig I. das Versprechen an Starck, dass erst wenn er nicht mehr Leben würde, eine andere Freimaurerloge in Darmstadt Fuß fassen durfte. Jedoch blieb es dabei, dass die Freimaurerloge »Zur weißen Taube« sowie die Lehrart der »Großen Landesloge« nur Starck zuliebe in Hessen-Darmstadt bestehen bleiben durfte. Das hatte auch Auswirkungen auf das Umfeld Darmstadts. Denn recht spät gründeten sich deshalb Freimaurerlogen unter der Konstitution der »Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland«: in Kassel (1893), Frankfurt am Main (1894), Mannheim (1897), Karlsruhe (1907) und in Wiesbaden (1913).

Der Name der neu gegründeten Darmstädter Freimaurerloge war zunächst »Ludwig für Wahrheit und Recht«, welche später Ludwig I. in »Johannes der Evangelist zur Eintracht« umbenannte. Zur Erlangung einer Konstitution wählte man unter den verbliebenen Möglichkeiten die Großloge des »Eklektischen Bundes« in Frankfurt am Main aus.

Existenz im Verborgenen
Die Freimaurerloge »Zur weißen Taube« existierte bis 1844 im Verborgenen weiter. Von 1844 bis 1849 fanden mit dem Ordensmeister »von Donnersmark« Verhandlungen über einen Anschluss der drei Freimaurerlogen »Johannes der Evangelist zur Eintracht« (Darmstadt), »Freunde zur Eintracht« (Mainz) und »Karl zum aufgehenden Licht« (Frankfurt am Main) an die »Große Landesloge« statt, an denen Mitglieder der Freimaurerloge »Zur weißen Taube« beteiligt waren. Die Verhandlungen blieben allerdings ergebnislos.

Weitere historische Belege lassen sich danach nicht mehr finden. Es gab noch eine gleichnamige Freimaurerloge der »Großen Landesloge« in Neißen, die am 15.07.1935 ihre Arbeit eingestellt hat. Sie wurde am 21.08.1804 reaktiviert, nachdem sie seit ihrer Gründung am 24.11.1773 untätig geblieben war. Sie hieß bei Gründung anders und beantragte später eine Namensänderung, weil sich deren Bruderschaft im Wirtshaus »Zur weißen Taube« traf. Sie trug die Matrikelnummer 14.

Erst am Sonntag, den 30.10.1921 konnte die Freimaurerloge »Zum Flammenden Schwert« in Darmstadt unter der Konstitution der »Großen Landesloge« als rechtliche Nachfolgerin der Freimaurerloge »Zur weißen Taube« gestiftet werden. Man wählte bewusst einen Namen aus dem Alten Testament(7) als Bezug zum ebenfalls alttestamentarischen Namen »Zur weißen Taube«.(8) Carl Happich, deutscher Meditationslehrer und -therapeut, Gynäkologe und dirigierender Arzt des Elisabethenstiftes, war Gründungsmitglied sowie der erste Vorsitzende Meister (1921-1930) der neuen Darmstädter Freimaurerloge. Unter seiner Ägide wurde 1922 die heute noch existierende »Vereinigung von Andreasbrüdern« in Darmstadt sowie 1924 die Andreasloge »Fides immortalis« in Frankfurt am Main gegründet.

 


(1) vgl. Uta Motschmann (Hg.): Handbuch der Berliner Vereine und Gesellschaften 1786-1815, Berlin 2015, S. 271.

(2) vgl. Carl Bröcker: Die Freimaurer-Logen Deutschlands von 1737 bis einschliesslich 1893, Berlin 1894: S. 77.

(3) vgl. Wald: Geschichte der Großen Landesloge, S. 258f.

(4) vgl. Carl Bröcker: Die Freimaurer-Logen Deutschlands von 1737 bis einschliesslich 1893, Berlin 1894: S. 78.

(5) vgl. Johann Heinrich Merck, Briefwechsel Band 1, S. 558.

(6) Das »Klerikale Systeme« führte sich angeblich auf einen geistlich-esoterischen Zweig der Tempelritter zurück. Die älteste Fassung, die sich von der Tempelritter-Freimaurer-Legende finden lässt, ist von ca. 1760 und wurde in einem Manuskript in Straßburg entdeckt. Vgl. Schiffmann hat im Anhang seines Werkes Die Entstehung der Rittergrade in der Freimaurerei um die Mitte des 18. Jahrhunderts, S. 178-190, den vollständigen Text der Tempelritter-Freimaurer-Legende wiedergegeben.

(7) vgl. 1. Buch Moses 3,24: »und trieb Adam aus und lagerte vor den Garten Eden die Cherubim mit dem bloßen, hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens.«; und Offenbarung 19,15: »Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, daß er damit die Heiden schlüge; und er wird sie regieren mit eisernem Stabe; und er tritt die Kelter des Weins des grimmigen Zorns Gottes, des Allmächtigen.«

(8) vgl. 1. Buch Moses 8,11: »Die [Taube] kam zu ihm zur Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug's in ihrem Munde. Da merkte Noah, daß das Gewässer gefallen wäre auf Erden.«; und Markus 1,10: »Und alsbald stieg er aus dem Wasser und sah, daß sich der Himmel auftat, und den Geist gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn.«