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Joh. August Starck in Darmstadt

»Johann August von Starck« (1741-1816) war ein deutscher Schriftsteller, Freimaurer, lutherischer Theologe und Generalsuperintendent zu Königsberg in Preußen. In den berühmten Freimaurerakten (vgl. StAD, D 4, Konv. 582, Fasz. 3, Fol. 56/57) des Prinzen Christian von Hessen-Darmstadt (1763-1830) findet sich die Angabe, dass Starck am 26. April 1761 in Göttingen in eine französische Feld- und Militärloge aufgenommen wurde, der ein gewisser Comte de Grave vorsaß. Er wurde am gleichen Tag vom Freimaurer-Lehrling zum Gesellen (II. Grad).

Bereits seit den 40er Jahren existierte in Deutschland die Templermaurerei in lokalen Zirkeln, die sich tatsächlich als historische Nachfolger des 1312 aufgelösten Tempelritterordens sahen. Dem Traditionsanspruch lag zum Teil der anachronistische Wunsch zugrunde, den einstigen Orden in seinem historischen Bestand wiederherzustellen. Es ging um eine konkrete Etablierung mit Aufgaben, Ämtern, Dotationen, Grunderwerb und Vermögensbildung. Es gab aber auch Ansprüche gegenüber einer geheimen spirituellen Lehre des Ordens. Seit etwa 1764 war die »Strikte Observanz« des Karl Gotthelf, Reichsfreiherr von Hund und Altengrotkau (1722-1776) in dieser maurerischen Strömung vorherrschend.

Das »Clermont-Rosa-System« (1757)
Der Göttinger Loge mit dem Namen »l'Esperance« gehörten wahrscheinlich auch der Marquis d'Heroisie und Chevalier de Boison an. Einzelheiten über das Logenleben sind nicht bekannt, aber Starck deutet indirekt in einem Schreiben an Diethelm Lavater vom 23.10.1809 (vgl. Zimmermann, Nr. 28, S. 43) an, dass die Loge bereits nach dem »Clermont-Rosa-System« gearbeitet haben soll. Das System ist nach Louis Graf von Clermont (1709-1770), einem französischen Freimaurer, der zwar seit 1743 den Titel eines Großmeisters in Frankreich trug aber freimaurerisch inaktiv war, sowie nach dem aus dem Isenburgischen stammenden zwielichtigen Extheologen Philipp Samuel Rosa benannt. Das »Clermont-Rosa System« war durch einen seit 1757 kriegsgefangenen französischen Offizier in Berlin angeregt worden und breitete sich noch während des Krieges in ganz Preußen aus.

1761 begann Starck seine Studien in Theologie und Orientalistik an der Universität Göttingen. 1763 verschaffte ihm »Anton Friedrich Büsching« (1724-1793), den er in Göttingen kennengelernt hatte, einen Lehrerposten in St. Petersburg, obwohl er sein Studium noch nicht abgeschlossen hatte. Büsching sollte eine langjährige persönliche Freundschaft mit Starck verbinden, die sich hauptsächlich darin ausdrückte, dass Büsching als Konsistorialrat in Berlin Starcks Karriere in Königsberg (von 1769 bis 1777) förderte. Büsching nahm u.a. auf Starcks Entwicklung durch seine 1756 erschienene Schrift »Epitome theologiae e solis sacris literis concinnatae, et ab omnibus rebus et verbis scholasticis purgatae« nachhaltigen Einfluss. In der 34-seitigen Inauguraldissertation fasste Büsching die christliche Lehre so zusammen, wie sie allein aus der Heiligen Schrift zu erkennen sei. Darin ist der spätere zentrale publizistische Gedanke Starcks von der »einfachen Lehre« des Christentums wiederzufinden. Denn laut seinem Verständnis sei sie durch theologisch-dogmatisierende Entwicklung verfälscht worden. Das sollte ihm in der Königsberger akademischen Gesellschaft nachhaltig Schwierigkeiten bereiten.

Die älteste Version der Templermaurerei-Legende (1760)
Die Legende der Templermaurerei besagt, dass es eine nahtlose und historische Abstammung der Freimaurer von dem 1312 beim Konzil von Vienne aufgelösten Tempelritterorden gibt. Dabei sollen von den Überlebenden der Verfolgungen Geheimnisse tradiert worden sein, die zu unvorstellbarer Macht oder zu Vermögen oder zu großen Mysterien führen. Die verschiedenen Versionen dieser Legende sprechen auch von einer Liste, die zu den salomonischen Tempelschätzen oder der Auffindung der Bundeslade oder alchemistischen Prozeduren Gold herzustellen (vgl. Nettelbladt 1879, S. 315-317).

Die älteste Fassung der Legende wurde in einem Manuskript in Straßburg entdeckt, das von ca. 1760 datiert. Dieses in französischer Sprache abgefasste Heft trägt den Titel »Zweiter Abschnitt: Von der Freimaurerei unter den Christen«. (vgl. Schiffmann 1882, S. 178-190) Es »[...] nennt dann die Ritter vom Heiligen Grabe. Diese hätten sich, nach Eroberung des Heiligen Landes durch die Kreuzfahrer, in Jerusalem niedergelassen, seien die Verwahrer geheimer, von den Essenern, »von denen sie direkt abstammten«, empfangener geheimer Kenntnisse gewesen und hätten den ursprünglichen Orden, der nach der Zerstörung des Tempels durch Titus in Verfall geraten sei, »wiederhergestellt«. Als Hugo von Paganis und seine acht Waffengefährten, »enge Freunde und bedeutende Menschen, sich an der Stelle, wo sich der Tempel Salomon befunden habe, zwischen den zwei Säulen versammelt und den Templerorden gegründet« hätten, die Chorherren vom Heiligen Grab bald festgestellt, daß die neue Gesellschaft »dem Ziel ihres Ordens entspreche«, […]. Sie hätten sich deshalb dem Templerorden angeschlossen, seine Gründer »in große Mysterien eingeweiht und den (ursprünglichen) Orden unter dem Namen der Templer wiederhergestellt.« (vgl. René Le Forestier, Erstes Buch, Die Strikte Observanz, Erste Auflage, Werner Kristkeitz Verlag, Leimen 1987, S. 104-105)

Die Ansicht, dass das 1767 von Starck gegründete templerisch-freimaurerische »Klerikale System«, einem älteren System entlehnt sei, wird bereits von Zeitgenossen konstatiert. Es war John Christian Schubart (1734-1787), führendes Mitglied der »Strikten Observanz«, der bereits im gleichen Jahr darauf hinwies, dass das »Klerikale System« eine subtile Variante eines schon 1763 gegründeten in St. Petersburg ansässigen Hochgradsystems bildete, welches nach dem Offizier Peter Johann Ernst Graf von Melissino (1726-1797) benannt war. Das System hatte sieben Grade, dessen höchster die Bezeichnung »Magnus Sacerdos Templariorum« (dt. Tempelritter-Hohepriester) trug. Starck lernte ihn in St. Petersburg kennen. Seine Loge arbeitete nach dem »Melissino-System« und Starck schloss sich ihr an. Er war griechischer Herkunft und Generalleutnant der Kaiserlichen russischen Armee. Sein Bruder war Ioannis Ivanovich Melissinos, ebenfalls Freimaurer und zudem eine Figur der russischen Aufklärung, Geheimrat, Direktor und Kurator der Moskauer Universität.

Die Legende der »Strikten Observanz« (1764)
Die Legende der »Strikten Observanz« von 1764 nahm keinen Anlauf bei den Essenern, womit eine religiöse Gruppe im antiken Judentum vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) gemeint sein könnte. Es gab auch die Chassidim bei denen es sich um eine jüdische Splittergruppe handelte, die um 300 v. Chr. bis 175 v. Chr. in Palästina existiert haben soll. (Nicht zu verwechseln mit den osteuropäischen Chassidim des 17. Jahrhunderts, die es heute in der ganzen Welt gibt.) Die Legende beginnt mit neun Rittern, die zunächst zerstreut waren bis ihnen König Balduin II. 1115 ein Haus im Bezirk des ehemaligen Salomonischen Tempels zur Verfügung stellte. Die Legende führt dann zum Konzil von Vienne (1311/1312) und der Auflösung des Ordens.

»Nach diesem traurigen Verhängniß entflohen diejenigen von unsern Vorfahren, welche das Glück hatten, den Verfolgungen zu entgehen, weit von ihrem Vaterlande. Eine gewisse Anzahl von ihnen entfloh in die nordischen Lande, als: nach Schweden, Norwegen, Schottland und Irland; Länder, welche zu der damaligen Zeit in den nordischen Gegenden und Gebürgen wenig bewohnt wurden.
Petrus von Aumont, Heermeister von Auvergne, wurde gezwungen, mit 2 Comthurs und 5 Rittern sein Land zu verlassen, nachdem er sich in einigen dem Orden gehörigen Schlössern tapfer vertheidigt hatte. Um nicht erkannt zu werden, veränderten diese ihre Namen, verkleideten sich als Maurer [...].« (vgl. Klaus C. Feddersen, Flensburg 1999, S. 165-175)

Ankunft in Wismar (1766)
Starck verließ im Frühjahr 1765 St. Petersburg und ging über England nach Paris, wo er von Oktober 1765 bis August 1766 verblieb. In Wismar, wo er von 1766 bis 1768 Konrektor des Gymnasiums war, hatte er sich im Februar 1767 zudem an der Gründung der Loge »Zu den drei Löwen«, die nach dem System der »Strikten Observanz« arbeitete, beteiligt. Starck muss schon gegen Ende des Jahres 1766 Kontakt zur Loge gehabt haben (vgl. Nettelbladt 1879, S. 292 u. 296). Er begann zielstrebig mit der Etablierung seines Systems und der Umgestaltung der Loge im Sinne seines Systems. Der wesentlich ältere Führungsstab der Loge ließ ihn gewähren oder akzeptierte den mit inhaltlichen Kenntnissen ausgestatteten jungen Theologen als Führungsfigur. Starck zielte wohl darauf ab, durch seine Umstrukturierung der Wismarer Loge ihr eine Vorreiterfunktion in der Templermaurerei zukommen zu lassen.

Starcks wirkliche Stellung im »Klerikalen System« lässt sich u.a. daraus ableiten, dass das System vollkommen unabhängig von der Wismarer Loge weiterbestand und er es problemlos nach Königsberg überführen konnte. Dennoch versteckte sich Starck hinter der Behauptung, von einer unbekannten Loge außerhalb Deutschlands instruiert und bevollmächtigt worden zu sein, mit der er stets in Verbindung stehen würde (vgl. StAD, D 4, Konv. 582, Fasz. 3, Fol. 65/66). Im Februar 1768 traf eine Delegation der »Strikten Observanz« in Wismar ein. Starck war der einzige Verhandlungspartner. Er konnte aber seine Glaubwürdigkeit nicht mit seiner geheimwissenschaftlichen Kompetenz und der Ermächtigung seiner Logenmitglieder gewinnen, sondern die Delegation akzeptierte hauptsächlich nur sein Angebot, sich als Verbindungsmann zu der unbekannten Loge in St. Petersburg zur Verfügung zu stellen.

Starck war zwar der Begründer des »Klerikalen Systems« aber er trat nie als sein formelles Oberhaupt auf, sondern der mecklenburgische Gutsherr Ernst Werner von Raven (1727-1787) hatte diese Position von 1767 bis 1778 inne. Starck nahm darum nie an den Konventen der »Strikten Observanz« (1772-1782) teil, sondern diese Rolle kam Ernst von Raven zu; dessen persönliche Reputation und Ansehen auch die des Systems förderte. Als 1778 Starck angeblich die Auflösung des »Klerikalen Systems« betrieb, hielt er hingegen weiter daran fest.

Die Legende des »Klerikalen Systems« (1767)
Die Legende des »Klerikalen Systems« von Starck (1767) knüpft wiederum an die Straßburger Legende von 1760 an. Sie nannte die »Kleriker« als die wahren Vertreter der geheimen Tradition während der Zeit des alten Bundes in erster Linie die Essener. Christus, der mitten unter ihnen erzogen worden sei und den größten Teil der Zeit, die er in der Welt geweilt habe, unter ihnen zugebracht habe, habe ihnen eine tiefere Kenntnis der Res Divinae vermittelt und sie gelehrt, wie man sich mit Hilfe der Gnade über die menschlichen Seinsbedingungen erheben und sich mit dem Allerhöchsten vereinigen könne.

»Trotz der Verfolgungen, denen sie während der Besetzung Palästinas durch die Sarazenen ausgesetzt gewesen seien, hätten die Essener das ihnen vom Erlöser anvertraute heilige Wissensgut einander getreu überliefert. Zur Zeit der Kreuzzüge seien sieben von ihnen, die sich, um den Verfolgungen durch die Ungläubigen zu entgehen, in einer Höhle bei Bastrum (Bostra) niedergelassen hätten, dort von einigen Templern unter der Führung Hugo von Payens und André de Montbarres angetroffen worden. Da die syrischen Eremiten durch eine Prophezeihung, die unter ihnen überliefert worden sei, gewußt hätten, daß die ewige Weisheit im alten Heiligtum von Jerusalem aufs neue in Erscheinung treten würde, wenn weiß gekleidete Ritter über die Meere kämen, um die Heilige Stadt gegen die Ungläubigen zu verteidigen, hätten sie verstanden, daß der Augenblick gekommen sei, in dem das Licht der Gegenwart (Schechinach) im Tempel wieder zu leuchten beginnen solle. Sie seien dem [!] Templern also nach Jerusalem gefolgt, wo sie bei den Kanonikern des Tempels Zuflucht gefunden hätten. [...]
Die Kanoniker oder Tempelritter hätten im übrigen geheimes Wissen der Essener ererbt, welches die von ihnen aufgenommenen Eremiten ihnen aus Dankbarkeit für die empfangene Gastfreundschaft mitgeteilt hätten. Auf solche Weise sei die wahre Wissenschaft, welche noch zu bereichern die Kanoniker sich bemüht hätten, im Schloß und unter dem Deckmantel des Tempelordens bis zu dessen Unterdrückung bewahrt worden. [...]
Aumont, der im Jahre 1312 durch die auf die Insel Mull geflüchteten Brüder zum General-Großmeister gewählt worden sei, habe dort 1316 die Ankunft des 15. Priors des Klerikerkapitels, Petrus a Boninia, miterlebt, der zunächst in Mainz bei Komtur Hugo, Waldgraf von Salm, Zuflucht gefunden habe. Dieser habe sich in Begleitung von zwei Kanonikern namens Pruina und de Tralhet und von Sylvester von Grumbach befunden. Die drei Kleriker hätten mit Aumont und Harris aktiv an der Wiederherstellung des Tempelordens unter dem Deckmantel der Freimaurerei gearbeitet. Sie seien vor allem die Urheber der Sinnbilder auf den Teppichen des Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrades und der Aufnahmezeremonien gewesen. Diese Wahrzeichen und Zeremonien erinnerten allegorisch an die Geschichte dem [!] Templerordens und spielten auf die Geheimnisse an, in deren Besitz er sich befände.« (vgl. Nettelbladt 1879, S. 318-319)

Starck veröffentlichte zahlreiche Schriften über die Freimaurerei, z.B. um 1770 eine besonders bemerkenswerte »Apologie des Ordens der Freymaurer«. 1775 veröffentlichte er sein Werk »Hephästion«, was ihn in Königsberg weiter in Bedrängnis brachte; denn Starck sah die mosaische Religion im Wesentlichen als das Resultat der Beeinflussung durch die höher entwickelte Geisteswelt Ägyptens. Diese Erkenntnis trug er bereits im Oktober 1773 als Disputation vor, was zur erfolgreichen Promotion zum Doktor der Theologie führte. Im März 1774 kam die zweite notwendige Disputation hinzu. Bei der zweiten Disputation handelte sich Starck in Königsberg das Ansehen eines Deisten und eines Kritikers der Offenbarungssubstanz der heiligen Texte ein (vgl. Konschel, S. 22-43).

Verhandlungen mit der »Strikten Observanz« (1772)
Starck lehnte z.B. die ökologischen Pläne, wie sie in der »Strikten Observanz« eruiert wurden, für sein System ab. Er sah es als niederes Interesse an und wollte sein geistiges System nicht mit solch einem monetären Anliegen in Verbindung sehen. Das ist u.a. ein Hinweis auf die hehren Absichten von Starck. Die Unabhängigkeit von der Finanzhierarchie des Systems des Reichsfreiherrn von Hund sowie auch die Abwehr von finanziellen Belastungen für sein System konnte er in den Verhandlungen mit dem Reichsfreiherrn durchsetzen.

Auf was für instabile Beine die »Strikte Observanz« und ihre Templermaurerei-Legende stand, zeigt sich schließlich an den Verhandlungen mit Starck. Beide Hauptfiguren hofften, dass das andere System die Legitimität des eigenen stärken würde. Das wird z.B. an der Beitrittsurkunde deutlich, die die »Kleriker« an den Reichsfreiherrn nach Gut Unwürde sandten. Sie erkannten darin einerseits die »Strikte Observanz« selbst und die Führungsposition des Reichsfreiherrn von Hund an und versicherten des Weiteren, sich an der Wiederherstellung der Wissenschaft (vgl. Fragebuch IX, Zweiter Artikel, Frage 56) zu beteiligen, andererseits garantierte die Gegenseite die vermeintlichen alten Rechte der »Kleriker« anzuerkennen und sie übergeordnet in das System der »Strikten Observanz« zu integrieren.

»Als Ergebnis wurde eine Fusionsakte zwischen dem "Klerikat" als der "geistlichen Branche" und den "Rittern" der "Strikten Observanz", die beide zusammen die Fortsetzung des Tempelherrenordens bilden sollten, erarbeitet, die allerdings erst im Jahre 1772 in Kraft gesetzt werden konnte, weil es hierzu der Zustimmung eines Ordenskonvents bedurfte und zwischenzeitlich die Beziehungen wieder abgebrochen worden waren.« (vgl. Vesper 2012, S. 51)

Bereits 1775 begann Starck zunehmend an der Templermaurerei, wie sie die »Strikte Observanz« verstand, zu zweifeln und am 9. September 1777 distanzierte er sich definitiv von ihr. In seinem Schreiben vom 04. April 1778 an die Prinzen von Hessen-Darmstadt und Mecklenburg-Strelitz erklärte er seine zehnjährige Verbindung vom System des Reichsfreiherrn von Hund als Torheit eines naiven Gelehrten ab. In einem Brief vom 03.12.1779 an Karl Friedrich Bahrdt (1740-1792) erklärte er, dass er sich aus der organisierten Freimaurerei zurückgezogen habe. 

Gründung des »Klerikats« in Darmstadt (1781)
Am 23.03.1764 gründete Reichsfreiherr von Hund die Freimaurerloge »Zur weißen Taube« in Darmstadt. Prinz Ludwig Georg Karl von Hessen-Darmstadt (1749-1823) wechselte 1771 in diese Freimaurerloge. Am 27.03.1772 ging sie auf sein Betreiben hin zur »Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland« über und Prinz Ludwig Georg Karl wurde ihr Vorsitzender Meister.

Sein Bruder Georg übernahm nach ihrer Rückkehr aus Italien 1776 die Führung der Freimaurerloge »Zur weißen Taube« in Darmstadt. Er wurde aber unehrenhaft aus der Armee entlassen, heiratete bürgerlich und musste daraufhin in die Verbannung nach Ober-Ungarn gehen, wo er sich in der deutschen Verwaltungsenklave Schüttrisberg-Schemnitz niederließ. Das »Haus Hessen-Darmstadt« hat alle Nachweise über Georg Karl (über seine Heirat und Nachkommen) aufgekauft und vernichten lassen. In den Stammtafeln zur Geschichte der Europäischen Staaten, Marburg 1953, Band I, Tafel 104, wird er ohne eheliche Verbindung und ohne Nachkommen aufgeführt.

Das Amt des Vorsitzenden Meisters ging von ihm an Johann August von Starck über, der 1781 nach Darmstadt übergesiedelt war, wo er den Rest seines Lebens als Hofkaplan und Generalsuperintendent für die Schulen von Gießen und Darmstadt zubrachte. Starck soll durch Prinz Georg Mitglied der Freimaurerloge »Zur weißen Taube« geworden sein und vor der Verbannung des Prinzen den Logenvorsitz übernommen haben. Die Inhalte seines »Klerikalen Systems« hat er weiter praktiziert, was wiederum bedeutet, dass die Darmstädter Loge über mehr als drei Grade (Lehrling, Geselle und Meister) verfügt haben muss. Er begann mit Übernahme des Amtes zielstrebig mit der Umgestaltung der Darmstädter Loge im Sinne seines Systems, wie er es bereits in Wismar getan hatte. Starck zielte hier aber nicht mehr darauf ab, der Loge eine Vorreiterfunktion in der Templermaurerei zukommen zu lassen, sondern er befolgte die Ideen aus dem 1780 anonym erschienenen aber aus seiner Feder stammenden Buch »Über den Zweck des Freymaurer-Ordens«. Darin forderte er die Fortsetzung des freimaurerischen Ideals in kleinen Zirkeln, die von tugendhaften und ehrlichen Männern besetzt sein sollen. Dies schien er in der Loge »Zur weißen Taube« in Darmstadt Realität werden lassen zu wollen.

Untergang der »Strikten Observanz« (1782)
Der »Wilhelmsbader Konvent« von 1782 führte zu einer enormen Schwächung der »Strikten Observanz«, weil sie sich von der Templermaurerei-Legende loslöste. Die nahtlose und historische Abstammung der Freimaurer von den Tempelrittern, eine Kernfrage des Konvents, musste mangels Beweise verworfen werden. Starck konnte gewisse Spannungen in seiner Loge, die aus dem Konvent erfolgt waren, noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts kompensieren, jedoch verlor er Mitglieder. Als Reaktion auf den Konvent gründete sich der »Eklektische Bund« ab 1783, der zunehmen erstarkte im Rhein-Main-Gebiet.

Starck war der Verfasser eines 1785 mit heftigen Angriffen gegen die Führer der »Strikten Observanz« gerichteten Romans namens »Saint Nicaise«, womit er sich öffentlich von der »Strikten Observanz« distanzierte. Am 21.10.1785 schloss sich die Gießener Freimaurerloge »Ludwig zu den drei goldenen Löwen«, die am 25.04.1778 durch den Freimaurer »Franz Dietrich von Ditfurth« gegründet wurde, dem »Eklektischen Bund« an. Starck versuchte von Darmstadt aus, den Anschluss zu hintertreiben, was aber nicht mit Erfolg beschieden war. 1811 erfolgte ein Versuch zur Neugründung einer weiteren Freimaurerloge in Darmstadt, die aufgrund des Hauses Hessen-Darmstadt nicht mehr unter der Konstitution der »Großen Landesloge« stehen durfte.

Neugründung einer Loge in Darmstadt (1816)
19 Freimaurer aus Darmstadt und Umgebung, wovon einige ehemalige Mitglieder der Freimaurerloge »Zur weißen Taube« gewesen waren, richteten an Ludwig I. die Bitte, ihnen Gelegenheit zu regelmäßigen Zusammenkünften zu gewähren. Einer der Gründe, warum das Gesuch zunächst unberücksichtigt blieb, war die nun kritische Haltung des Großherzogs. 1816 lud Carl Bechthold mit Kenntnis des Landesfürsten Freimaurer in Darmstadt und Umgebung zu einer Zusammenkunft im Seidel'schen Garten zum ersten Montag im März 1816 ein. Es kamen 24 Freimaurer.

Wenige Monate nach Starcks Tod ließ der Landesfürst am 05.05.1816 mitteilen, dass er einer in Darmstadt neu zu eröffnenden Freimaurerloge nach gesetzmäßiger Konstitution seinen Schutz angedeihen lassen wolle. Dabei erfüllte Ludwig I. das Versprechen an Starck, dass erst wenn er nicht mehr Leben würde, eine andere Freimaurerloge in Darmstadt Fuß fassen durfte. Jedoch blieb es dabei, dass die Freimaurerloge »Zur weißen Taube« sowie das System der »Großen Landesloge« nur Starck zuliebe in Hessen-Darmstadt bis dahin bestehen bleiben durfte. Das hatte auch Auswirkungen auf das Umfeld Darmstadts. Denn recht spät gründeten sich darum Freimaurerlogen unter der Konstitution der »Großen Landesloge« im Südwesten Deutschlands: in Kassel (1893), Frankfurt am Main (1894), Mannheim (1897), Ludwigshafen (1906), Karlsruhe (1907) und in Wiesbaden (1913).

Das IX. Fragebuch der »Großen Landesloge« (1826)
Als Christian von Nettelbladt (1779-1843) nach 1819 mit der Generalreform der Ritualakten der »Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland« begann, führte er u.a. die drei oben beschriebenen Templermaurerei-Legenden zusammen. Als Mitglied der »Großen Landesloge« ließ er sich in die »Strikte Observanz« als Doppelmitglied aufnehmen, obwohl sich die Systeme kritisch gegenüberstanden. Sein Ziel war es, direkten Zugang zum Wissen der »Strikten Observanz« zu erhalten, denn beide freimaurerischen Systeme haben ein templerisches Erbe. Er implementierte seine überarbeitete Legende in das System der »Großen Landesloge« im IX. Fragebuch (vgl. Fragebuch IX, Zweiter Artikel, Frage 33-60). Das IX. Fragebuch war ab ca. 1826 gültig und wurde 1910 außer Kraft gesetzt. Während die Vorgängerakten (Eckleff 2008, Band III, S. 78ff) keinen Anlauf bei den Essenern nehmen und mit dem Jahr 1118 beginnen, so wie auch die Legende der »Strikten Observanz« (1764) mit dem Jahr 1115 beginnt, übernimmt Nettelbladt die Straßburger Version von 1760 und integriert die Essener-Abstammung in das IX. Fragebuch und damit in die Ritualkonzeption der »Großen Landesloge«. Seine überarbeitete Legende ist die zusammenhängende, geschichtlich plausibelste und didaktisch logische Darstellung überhaupt.